2. Was passierte am 9. November 1989? Tageschronik

9 Uhr: Im Innenministerium der DDR kommen vier Offiziere zusammen, um eine neue Ausreiseregelung zu entwerfen. Das Politbüro hatte dazu den Auftrag gegeben. Der Rohentwurf, der zwei Tage zuvor von der Sowjetunion abgenickt wurde, sieht nur die ständige Ausreise direkt aus der DDR (über einen Extra-Grenzübergang im Süden) und nicht mehr über Drittstaaten wie die CSSR vor – aber keine Rückkehr in die DDR.
In einem Ministerratsbeschluss regeln die Offiziere das Recht auf Ausreisen. Alle Einschränkungen bei Anträgen auf eine ständige Ausreise aus der DDR sollen wegfallen. Ausreisen sollen nach wie vor beantragt werden müssen. Auf die Initiative von Oberst Gerhard Lauter hin mogelt die Runde einen folgenschweren Passus in den Text hinein: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt.“ Im Klartext: Reisefreiheit für alle, geordnet, langfristig und bürokratisch.
Die Verordnung soll bis zum Beschluss eines Reisegesetzes gelten und am Freitag, dem 10. November, 4 Uhr, veröffentlicht werden. Bereits am gleichen Tag sollen alle DDR-Bürger bei den Behörden Visa beantragen können. Das Papier geht direkt an das Zentralkomitee der SED.

Chronik der Mauer: Gerhard Lauter, VP-Oberst, über die Ausarbeitung der Reiseregelung im November 1989

10 Uhr: Der zweite Beratungstag des SED-Zentralkomitees beginnt. Die Bezirksbasis setzt die 1. Sekretäre Hans-Joachim Böhme in Halle, Werner Walde in Cottbus und Johannes Chemnitzer in Neubrandenburg wieder ab. Auch die langjährige Frauenbeauftragte des SED-Politbüros Inge Lange tritt von ihrem Posten zurück.

12 Uhr: Mitglieder des Politbüros bestätigen in einer Raucherpause des ZK den von den Offizieren erarbeiteten Reiseregelungs-Entwurf. Er wird an den Ministerrat weitergeleitet.

15 Uhr: Im Innenministerium und bei der Staatssicherheit wird an den Durchführungsbestimmungen zur Reiseverordnung gefeilt.

16 Uhr: Generalsekretär Egon Krenz verliest im SED-Zentralkomitee den Reiseregelungs-Entwurf, der ihm nun als Beschlussvorlage des Ministerrates einschließlich Pressemitteilung vorliegt.

17.30 Uhr: Krenz händigt die Ministerrats-Beschlussvorlage und eine dazugehörige Pressemitteilung Günter Schabowski aus. Er ist in diesen Tagen Sprecher des SED-Zentralkomitees.

Günter Schabowski, Foto: Bundesarchiv Bild 183-1982-0504-421 / CC-BY-SA

Um 18 Uhr beginnt die Live-Übertragung der Pressekonferenz mit Günter Schabowski (1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin), in der er über die Ergebnisse der Politbürositzung am Nachmittag informierte.

Um 18:57 kurz vor Ende der Pressekonferenz Uhr fragt der italienische Journalist Riccardo Ehrman nach, ob der Entwurf des Reisegesetzes nicht ein Fehler gewesen sei. Schabowski teilt den erstaunten Journalisten mit, dass ab sofort Westreisen für jedermann möglich sind. Viele DDR-Bürger sehen die Mitteilung im Fernsehen. Die Regelung war ursprünglich als Richtlinie für die ständige Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland (ohne Recht auf Rückkehr) gedacht. Sie sollte den anhaltenden Ausreisestrom über die Tschechoslowakei stoppen.

"Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen. ...Also, Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt...Das tritt nach meiner Kenntnis, ähh, ist das sofort, unverzüglich."

Chronik der Mauer: Audio: RIAS-Reportage über Schabowskis Pressekonferenz

19.04 Uhr: Noch vor den Eilmeldungen der westlichen Nachrichtenagenturen verbreitet ADN die Einzelheiten der von Schabowski zuvor verkündeten, „sofort“ geltenden Reisefreiheit. Die Überschrift ist mit Bedacht neutral gewählt: „DDR-Regierungssprecher zu neuen Reiseregelungen“. Vier Punkte umfasst die 20-Zeilen-Meldung, die ursprünglich erst am Freitagmorgen um 4.00 Uhr auf den Draht gehen sollte.

19.05 Uhr: Diese Sätze schreiben Geschichte. AP verbreitet als Eilmeldung: "DDR öffnet Grenze"; DPA um 19.41 Uhr: "Die DDR-Grenze ... ist offen." Die Agenturmeldungen werden in der Hauptnachrichtenzeit bis 20.15 Uhr zur TOP-Nachricht in Fernsehen und Hörfunk. Die "Tagesschau" meldet "DDR öffnet Grenze".

Youtube Video: Tagesschau vom 9.11.1989 - Der Fall der Mauer

Schon gegen 20.30 Uhr treffen die ersten DDR-Bürger am Grenzübergang Bornholmer Straße ein um zu sehen, was los ist. Der Grenzübergang ist aber weiterhin für DDR-Bürger ohne gültiges Visum geschlossen. Es kommen immer mehr Menschen zum Grenzübergang.

Gegen 21.00 Uhr fordert die Menge die Öffnung der Grenze. Die Situation spitzt sich zu, die diensthabenden Grenzsoldaten haben bisher keinen Befehl zur Öffnung der Grenze erhalten und die Menge vor dem Grenzübergang ruft: "Tor auf! Tor auf". Es spielen sich tumultartige Szenen ab.

Gegen 21.10 Uhr beendet der Bundestag in Bonn aus Anlass der neuen Bestimmungen seine Sitzung mit dem Absingen der Nationalhymne.

22.28 Uhr: In der Spätausgabe der „Aktuellen Kamera“ wird im DDR-Fernsehen ein letzter Versuch gestartet, die Entwicklung zu bremsen. „Auf Anfragen vieler Bürger informieren wir Sie noch einmal über die neue Reiseregelung des Ministerrates“, sagt der Nachrichtensprecher und weist ausdrücklich daraufhin, „dass die Reisen beantragt werden müssen“. Die Abteilungen Pass- und Meldewesen hätten aber „morgen um die gewohnte Zeit geöffnet“ und auch ständige Ausreisen könnten erst erfolgen, „nachdem sie beantragt und genehmigt worden sind“.

Gegen 23 Uhr drängen tausende an der Bornholmer Straße von hinten nach vorn. Am Schlagbaum wird es immer bedrohlicher. Keiner weiß genau, ob es sich nun um ein Gerücht, einen Versprecher oder tatsächlich um eine gültige Entscheidung handelt. Die Grenzsoldaten sind völlig überfordert. Eine halbe Stunde vor Mitternacht entschließen sich einzelne Grenzkommandanten, die Tore einfach zu öffnen. Die Mauer ist gefallen. Auch an anderen Übergängen der innerdeutschen Grenze strömen tausende DDR-Bürger in die Bundesrepublik und werden im Westen begeistert empfangen.

00:00 Uhr: Alle Grenzübergänge in Berlin sind offen.

00.20 Uhr: 30 000 Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) werden in „erhöhte Gefechtsbereitschaft“ versetzt. Da in der Nacht weitere Befehle ausbleiben, stellen die Kommandeure der Grenzregimenter die Maßnahmen auf eigene Verantwortung ein.

Zwischen 1 und 2 Uhr überwinden tausende von West- und Ost-Berlinern die Mauer am Brandenburger Tor. Sie gehen über den Pariser Platz und durch das Tor. Auf der Mauer tanzen die Menschen vor Freude. Der Betonwall bleibt von einigen Tausend Menschen besetzt. Über den ganzen Platz hallt das Klopfen der Mauerspechte. Sie bearbeiten die Mauer auf der Westseite mit Hämmern und Meißeln. Von den Übergängen strömen die Menschen zum Kurfürstendamm, der bis zum frühen Morgen in eine Partymeile verwandelt wird.

2 Uhr: Die Nachrichten von Radio DDR I melden unter Berufung auf das Innenministerium, dass die Grenze "als Übergangsregelung" bis zum nächsten Morgen, 8.00 Uhr, unter Vorlage des Personalausweises passiert werden kann. Die politische und militärische Führungsspitze der DDR tritt in dieser Nacht öffentlich nicht in Erscheinung.

Nach oben

5. Wo finde ich mehr Informationen? Links zum Mauerfall

  • politische-bildung.de
    25 Jahre Berliner Mauerfall - Aufbruch ´89
    Auf dieser Seite finden Sie Angebote der Zentralen für politische Bildung und anderer Anbieter zum Thema. Die Angebote werden ergänzt durch weiterführende Links, Dossiers und Unterrichtsmaterialien.
    www.politische-bildung.de/25_jahre_mauerfall_einheit.html

  • Bundesregierung
    Freiheit und Einheit
    Dieses Internetangebot will an die bewegenden Ereignisse von damals erinnern – an die Friedliche Revolution, den Mauerfall und schließlich die Wiedervereinigung. Eine umfassende Chronik zeichnet die Ereignisse zwischen Januar 1989 und Oktober 1990 nach. Sie enthält neben Texten und Fotos auch Filmporträts und viele Original-Töne von Zeitzeugen. Die Filme sind zusätzlich in einer Mediathek zusammengefasst.
    www.freiheit-und-einheit.de

  • DHM: Der Fall der Mauer
    www.dhm.de/lemo/html/DieDeutscheEinheit/DerFallDerMauer
  • Dokumentationszentrum Berliner Mauer
    Das Dokumentationszentrum wurde am 9. November 1999, dem 10. Jahrestag des Mauerfalls, mit der Werkstatt-Ausstellung "Grenzblicke" eröffnet. Es bietet einen Überblick wie auch vertiefende Informationen zur Geschichte der Berliner Mauer
    www.berliner-mauer-dokumentationszentrum.de

  • Multimedia-Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit dem DeutschlandRadio. Eine historische Einleitung, Bibliographie, Filmliste, kommentierte Links und Originaltöne vervollständigen das Angebot.
    www.chronik-der-mauer.de
  • DLF: "Mauersplitter"
    Die "Mauersplitter" sind Originaltöne aus den Jahren 1989/1990, authentische historische Augenblicke: Erich Honecker spricht von Ochs und Esel, Erich Mielke liebt alle Menschen, Michail Gorbatschow warnt alle, die nicht auf das Leben reagieren und Bärbel Bohley lädt Wolf Biermann zur Demo am 04.November auf dem Alexanderplatz ein.
    www.deutschlandfunk.de/mauersplitter.1358.de.html

  • DW: Materialien für den Unterricht
    Der Mauerfall - eine Unterrichtsreihe
    Die hier präsentierte Unterrichtsreihe von Dirk Reifenberg bietet zum Teil exklusive Materialien. Den Kern bildet eine Reihe von Zeitzeugenberichten, die einen möglichst unmittelbaren Eindruck der damaligen Ereignisse vermitteln soll. Aber auch die Stationen die zum Mauerfall führten, wie die Massenflucht oder die Montagsdemonstrationen werden eingehend geschildert.
    www.dw-world.de/dw/article/0,9729,2340056,00.html
  • DW: 9. November 1989
    25 Jahre Mauerfall
    Zum Jubiläum dokumentiert die Deutsche Welle nostalgische Erinnerungen an die DDR und vieles mehr.
    www.dw.de/themen/9-november-1989/s-101224

  • FAZ: 25 Jahre Mauerfall
    Vom Todesstreifen zur Kiezidylle
    Am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer. Tausende Menschen strömen in den Westteil der Stadt. Ein Jahr später verschwindet die DDR von der Landkarte. Und heute? Eine Spurensuche auf dem früheren Mauerstreifen, 25 Jahre danach.
    www.faz.net/aktuell/politik/25-jahre-mauerfall

  • Focus Online: 25 Jahre Mauerfall
    Der Weg zu einem vereinigten Deutschland
    In der Nacht vom 9. November auf den 10. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Kaum ein anderes Ereignis weckte in den Deutschen in der DDR wie der BRD ähnliche Emotionen und Hoffnungen. Im Jahr 2014 jährt sich der Fall der Mauer, dem Symbol für die Versöhnung zwischen Ost und West, zum 25. Mal. Zeit, zurückzublicken und nach vorne zu schauen.
    www.focus.de/politik/deutschland/25-jahre-mauerfall

  • mdr: 25 Jahre Freiheit ´89
    www.mdr.de/89

  • rbbonline: Chronik der Wende
    Das multimediale Webangebot zur Serie hat sich zu einer wichtigen Informationsquelle zum Thema Wende im Web entwickelt. chronik-der-wende.de wird immer wieder überarbeitet und aktualisiert.
    www.chronik-der-wende.de
  • Deutsch-deutsche Geschichte in Bild und Ton
    60 Jahre deutsch-deutsche Beziehungen im Rückblick: Immer wieder gab es Annäherungsversuche, immer wieder aber Rückschläge für die, die die Hoffnung auf die Wiedervereinigung nicht aufgeben wollten. tagesschau.de hat die ARD-Jahresrückblicke von 1949 bis 2008 durchforstet.
    www.60xdeutschland.de

Nach oben

Nach oben



© 2016 Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg
www.lpb-bw.de