Peter Bräunlein
Die DDR im Deutsch-Unterricht
Am 9. November 1989 öffnete sich nach monatelangen Demonstrationen die Berliner Mauer – im Rückblick ein entscheidender Schritt hin zum Ende der DDR. Wer den anderen deutschen Staat im Deutschunterricht behandeln will, hat eine reiche Auswahl.
Am bekanntesten ist wohl Thomas Brussigs Am kürzeren Ende der Sonnenallee (1999). In den 70er Jahren wächst in Ostberlin der 17-jährige Micha direkt an der Grenze auf. Sie spielt in seinem Leben eine wichtige Rolle. Einerseits schockiert Micha dort westliche Mauertouristen, andererseits weht es seinen ersten Liebesbrief in den Todesstreifen.
Brussig, der in den 60er und 70er Jahren in Ostberlin aufwuchs, porträtiert witzig die politisch erstarrte DDR dieser Zeit. So wird etwa ein übereifriger Oberwachtmeister degradiert, weil er von einer eingezogenen Kassette den Popsong „Moscow“ der deutschen Gruppe Wonderland vorspielt. Mit sicherem Gespür für Komik konstatiert Brussig eine groteske Mischung aus Pedanterie, Kontrollwahn und Selbstüberschätzung, die rebellische Teenager wie Micha zum Protest herausfordert. Unterhaltsam sind aber auch Michas tragikomische Versuche ein sexuell erfahreneres Mädchen zu beeindrucken. Kurz: ein unterhaltsamer Pubertätsroman, in dem man viel über die DDR erfährt.
Pubertäre Nöte und Proteste schildert auch Jakob Hein, 1971 in Leipzig geboren, in Mein erstes T-Shirt (2001). Vordergründig geht es vor allem um die Themen erster Sex, erste Band und erstes Besäufnis. Aber bei allen Ähnlichkeiten zu westdeutschen Erfahrungen gibt es doch DDR-Spezifisches, etwa das magere Angebot im Einzelhandel oder die Ausladung einer deutschen Popband von einem DDR-Auftritt, da diese die DDR vorsichtig kritisierte.
Wie Hein bietet der in Thüringen aufgewachsene Michael Tetzlaff in Ostblöckchen. Eine Kindheit in der Zone (2004) kurze witzige Szenen über den Alltag der Familie des Ich-Erzählers Michael. Weder sind seine Eltern und Verwandte Dissidenten noch SED-Anhänger, eher ungehobelte trinkfeste Proleten. Wie sie eckt Michael immer wieder an, etwa im Werkunterricht, wo er wenig systemkonforme Bastelarbeiten herstellt. Bemerkenswert ist aber auch der Besuch der ungeliebten Westverwandtschaft.
Als Klassenlektüre sind Mein erstes T-Shirt und Ostblöckchen inhaltlich zu dünn. Aber einzelne der comedyartigen Szenen sind eine gute Ergänzung zu Am kürzeren Ende der Sonnenallee, aber auch Anne C. Voorhoeves Lilly unter den Linden (2004), das vom MDR und arte verfilmt wurde. Der 1963 geborenen Westdeutschen geht es um Ost-West-Begegnungen und die Frage nach historischer Schuld. Im Mittelpunkt steht das Mädchen Lilly, die nach dem Tod ihrer in die Bundesrepublik geflüchteten Mutter Rita, 1988 zu Ritas älterer Schwester Lena nach Jena geht. Doch Lenas Tochter Katrin macht Lilly anfangs das Leben schwer. Allmählich erfährt Lilly die Umstände und die Folgen der Flucht ihrer Mutter. Lena verlor deswegen nicht nur ihre Stelle als Lehrerin, sondern musste auch Katrin als Baby in ein Heim geben. Nur mit Hilfe eines Jugendfreundes, des Stasioffiziers Bernd, konnte Lena Katrin wieder zu sich holen. Später hilft Bernd, dass Lilly in der DDR bleiben kann.
Diese Konstellation ermöglicht Voorhoeve einen facettenreichen Blick auf die DDR. So erleidet Lilly fast einen Kulturschock bei ihrem ersten Aufenthalt in Jena. Doch Lilly kommt über diese erste Fremdheitserfahrung hinweg. Sie lernt Lenas oppositionelle Familie und den Stasi-Offizier Bernd kennen. Sie integriert sich schließlich und erlebt sogar die Wende und ihre Folgen.
Eignen sich die bisher vorgestellten Bände ab der neunten Klasse, spricht Klaus Kordons Die Flaschenpost (1988) bereits fünfte Klassen an. Der Kinderroman schildert die schwierige Freundschaft des 11-jährigen Ostberliners Matze mit der 12-jährigen Westberlinerin Lika. Lika findet Matzes Flaschenpost und antwortet ihm, doch bis zu ihrem ersten Treffen gibt es etliche Schwierigkeiten zu überwinden, die mit der damaligen deutschen Teilung zu tun haben. Zunächst zerreißt Matzes Mutter Likas Antwortbrief, doch auch Likas Vater ist gegen den Briefkontakt. Kordon verdeutlicht schon für Zehnjährige gut nachvollziehbar das gegenseitige Misstrauen, die teils freiwillige, teils erzwungene gegenseitige Abgrenzung. Das Nachwort des Autors (1999) schildert nicht nur die Entstehungsgeschichte des vor der Wende entstandenen Romans, sondern reflektiert auch kurz dessen Aktualität.
Als Klassenlektüre für die Oberstufe eignet sich Ingo Schulzes Simple Storys (1998). Auszüge lassen sich ab der zehnten Klasse einsetzen. In 29 Kapiteln aus wechselnden Perspektiven schildert der 1962 in Dresden geborene Autor den Alltag eines Geflechts von Freunden und Feinden in einer ostthüringischen Kleinstadt in den ersten Nachwendejahren. Da ist z.B. der ehedem linientreue Schuldirektor, der 1978 einen Lehrer entließ, der einen Schüler wegen einer provozierenden Heftaufschrift nicht disziplinierte. 1989 schrieb er im SED-Auftrag einen Leserbrief gegen die Demonstrationen. Nach der Wende kündigt er nach einem kritischen Zeitungsartikel seine Stelle und landet schließlich in der Psychiatrie. Doch auch das damalige Opfer profitiert nicht von der Wende. Nach einer Affäre verunglückt er tödlich. Nur wenigen bringt die Wende beruflichen Erfolg und persönliches Glück. Voller Ironie schildert Schulze die Schwierigkeiten der Aufarbeitung der DDR-Geschichte und der Nachwendezeit.
Der mit dem Deutschen Buchpreis 2008 ausgezeichnete Roman Der Turm des 1968 in Dresden geborenen Uwe Tellkamp ist schon wegen seiner Länge (973 Seiten) sicher keine geeignete Klassenlektüre für die Mittelstufe. Doch auch viele Oberstufenschüler werden sich wegen des komplexen Aufbaus – mehrere Hauptfiguren unterschiedlichen Alters erleben die DDR ab Mitte der 80er Jahre aus unterschiedlichen Perspektiven – schwer tun. Doch einzelne Handlungsstränge eignen sich hervorragend für eine auszugsweise Lektüre, etwa die Erlebnisse des Jugendlichen Christian. Er kommt aus einer unangepassten, aber nicht offen kritischen Arztfamilie. Schon in der Schule fällt er durch seine Lesewut auf, zumal er sich nicht auf DDR-konforme Bücher beschränkt. In der NVA wird er Zeuge und z. T. Opfer der schikanösen Behandlung von Rekruten. Ein zaghafter Protest wird durch einen einjährigen Zwangseinsatz im Braunkohlebergbau bestraft.
Wie aber war es wirklich? Autobiografische Annäherungen an die Geschichte versuchen aus unterschiedlichen Perspektiven Wolfgang Leonhard in Meine Geschichte der DDR (2007) und Fritz Klein in Drinnen und Draußen. Ein Historiker in der DDR (2000). Beide taugen als historische Hintergrundinformation zu den Romanen. Leonhard wuchs in der Sowjetunion Stalins auf und gehörte zur „Gruppe Ulbricht“, die 1945 in die spätere DDR zurückkehrte. Ausführlich schildert er die häufigen kommunistischen Kurswechsel. Im Zuge der Auseinandersetzungen um einen eigenständigen jugoslawischen Kurs wendete sich Leonhard vom Kommunismus ab. Meine Geschichte der DDR bietet eine flüssig geschriebene Darstellung der Anfänge der DDR.
Der 1924 geborene Fritz Klein war einer der führenden marxistischen Historiker der DDR. Zwar prinzipiell regimetreu, eckte er immer wieder bei engstirnigen SED-Funktionären an. Er verlor seine Stelle als Chefredakteur der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“, machte aber später Karriere in der DDR-Akademie der Wissenschaften. Klein arbeitet – trotz kritischer Distanz und mehrerer Maßregelungen – seine letztlich fragwürdige Rolle als Historiker in einem Staat heraus, dessen Spitze ein Deutungsmonopol für Geschichte beanspruchte und immer wieder auch durchsetzte. Für Schüler ist der Insiderbericht als Ganzes wohl zu komplex, doch daraus und aus Meine Geschichte der DDR lassen sich Auszüge im Unterricht verwenden, etwa Kleins differenzierte, aber trotzdem fragwürdige Verteidigung seiner Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit.

